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[Iwanowka in Westsibirien]
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Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Reportage


Nein, in dieser Reportage geht es nicht um das Dorf Iwanowka, aber hier geht es um ehemalige Iwanower Leonard Renz und seinen älteren Bruder Adolf Renz, die viele Jahrelang in einer Goldmine bei Magadan gearbeitet haben. In diesem ehemaligen Gulag haben in den siebziger und achtziger Jahre mindesten sieben Iwanower als Bergarbeiter gearbeitet.

***


 Goldfieber am Kältepol. In Ostsibirien kämpfen Glücksritter und Nachfahren der Gulag-Häftlinge mit dem rauen Klima, Banditen und einer korrupten Bürokratie.

Der Geländewagen holpert über die löchrige Schotterstrasse. Am Straßenrand liegen Autowracks und zerfetzte LKW-Reifen. Noch zwei Stunden bis zum Goldgräberbasislager „Kalinka“. „Wir fahren buchstäblich über Knochen“, sagt der Fahrer zwischen zwei Schlaglöchern. „Menschenknochen“, ergänzt Leonhart Renz, manchmal werden sie im Frühjahr freigespült.

Vor einem halben Jahrhundert trieben Stalins Gulag-Schergen Sträflingstrupps von Magadan aus zum Straßenbau nach Norden, in die eisigen Goldgruben am ostsibirischen Strom Kolyma. Wer verhungerte, erfror oder an Skorbut verreckte, kam einfach unter die Piste. Menschenmaterial. 1200 Kilometer lang ist der „Kolymskij Trakt“. Fast ein Drittel des sowjetischen Goldes wurde hier gefördert. Straße des Goldes – Straße des Todes.

Links und rechts zwischen den Krüppelkiefern lehnen sich windschiefe Lattenzäune gegen die Schneestürme aus den Bergen. „Auch ein Denkmal aus der Gulagzeit. Lärchenholz hält in diesem Klima jahrzehntelang“, erläutert der Chef der Goldgräbergenossenschaft „Expeditionnoje“.

Leonhart Renz spricht deutsch. Als er sieben Jahre alt war und 1949 in der Dorfschule bei Omsk gerade die ersten Worte Russisch gelernt hatte, wurde sein größerer Bruder Adolf zu 15 Jahren Kolyma verurteilt, weil er volkseigenes Gras für die Familienkuh geschnitten hatte.

Es gibt keine Siedlung im Gebiet Magadan, die nicht Straflager war. Kaum eine ältere Frau, die nicht einsaß, weil sie für die hungernden Geschwister einige vergessene Getreideähren vom Kolchosfeld mitgenommen hatte.

Wir sind auf der Hauptinsel des Archipels Gulag, auf der wahrscheinlich Millionen Menschen für das Gold Stalins gestorben sind.

Noch immer lockt der Rausch Abenteurer, Banditen und Investoren in eine Region, die jetzt von Gott und der Welt und Moskau vergessen ist, aber trotzdem viele gefangen hält, die einmal dort waren.

Der Motor heult und qualmt. Hauptbuchhalterin Marina beißt die Goldzähne zusammen und angelt nach der Tasche mit den 120 Millionen Rubeln für die Lohnzahlung im Basislager „Kalinka“. Renz rückt im Hosenbund die Gaspistole zurecht, die halb so groß ist wie seine Hand. „Im Ernstfall würde sie doch nicht helfen“, meint er, „aber bisher hatten wir keinen Ärger.“

Seit 36 Jahren schuftet Renz auf der Kolyma. Er war gerade volljährig geworden, als plötzlich der verschollen geglaubte große Bruder in der Küche stand und stolz 40 000 Rubel auf den Tisch legte, die er nach Auflösung der Stalinschen Lager verdient hatte. Ein reicher Mann war der Adolf auf einmal, und die Mutter fiel fast in Ohnmacht, weil sie vorher noch nie mehr als 100 Rubel gesehen hatte. Leonhart folgte dem Bruder in den Wilden Osten.

Der Geländewagen quält sich den Paß hoch, biegt in das Seitental auf dem zerfurchten Weg ab. Noch eine Stunde bis zum Lager. „Die Strecke hier ist noch vergleichsweise gut“, sagt Renz und klammert sich an den Haltegriff.

„Vor einem Jahr waren wir einen Tag lang mit dem großen Gelände-LKW den Telengir aufwärts gefahren. Immer im Flussbett hoch, nicht weit vom Kältepol. Kein Mensch im Umkreis von 100 Kilometern. Als wir an die verlassene Schürfstelle kamen, fanden wir merkwürdige Schleifspuren im Schnee.

Plötzlich vor mir ein Mann ohne Beine. Den Unterkörper in einem Ledersack, festgeschnallt auf einem Brett. Er hauste wegen der Bären in einer rostigen Trommel der alten Goldwaschanlage. Ein freier Goldgräber. Irgendwer hatte ihn im Frühjahr dort ausgesetzt. Und irgendwer wird ihn auch wieder abgeholt haben. Aber danach fragt hier keiner. Seit 1992 kann jeder eine Lizenz bekommen.“

Ankunft im Basislager „Kalinka“, 800 Kilometer nördlich von Magadan am Fluss Debin, drei Holzhäuser, eine Garagenhalle. Auf der Bergkuppe gegenüber die verfallenen Hütten des ehemaligen Straflagers „Kalinin“. 200 Kilometer sind es von hier bis zum kältesten Punkt der Erde. Wenn im Winter über Nacht der Ofen ausgeht, frieren die Haare am Kopfkissen fest. Bei minus 70 Grad wird der Atem zu einem knisternden Kristallschwarm – in der eisigen Stille das einzig Hörbare. „Das Flüstern der Sterne“ nennen es die Jakuten, die früher durch dieses Tal ihre Rentierherden trieben.

Die Goldsaison beginnt im Mai. Mit Sprengsätzen oder Planierraupen wird die Geröllschicht abgetragen, die am Tag nur zentimeterweise über dem ewigen Eis schmilzt, nachdem die isolierende Moosdecke beseitigt ist. An manchen Stellen müssen bis zu acht Meter Boden abgehobelt werden, bevor die goldhaltigen Schichten brachliegen und später unter der sengend heißen Sommersonne auftauen.

Dann wird bei bis zu 40 Grad Hitze in Zwölfstundenschichten gearbeitet – geplagt von unendlichen Mückenschwärmen. Sechs Monate lang in der Einöde. Von Frost bis Frost. Auf „Kalinka“ malochen 140 Mann, eine Putzfrau und eine Köchin. Die Genossenschaft verspricht in diesem Jahr mehr Tageslohn, als ein ukrainischer Industriearbeiter im Monat verdient: etwa 40 000 Rubel oder 20 Mark.

Eine Planierraupe wälzt die Erde in den Waschkanal der Schürfstelle. Polternd reißt die schwarze Schlammbrühe Geröllbrocken durch die Rinne. Ein Posten mit geschultertem Gewehr zieht auf. Die Flut versiegt, die Goldabnahme beginnt. Unter den Argusaugen der Abnahmekommission werden die Matten aus dem Kanal gehoben. Hie und da glänzt es matt. „Metall“, heißt es abfällig im Goldgräberjargon. Etwa 200 Gramm Tagesausbeute, die sofort in versiegelten Blechbüchsen ins Basislager gebracht werden. „Ein mittelmäßiges Ergebnis“, sagt Renz, „aber noch besser als an anderen Stellen.“ Als in den 30er Jahren Geologentrupps zu Fuß die einsamen Bergtäler an der Kolyma durchkämmten, lagen die Nuggets noch offen schimmernd zwischen den Bachkieseln. Unbeachtet von den Ureinwohnern, den Jakuten, Ewenken und Jukagiren, denn Gold, nicht essbar, war wertlos. Nur in einer verlassenen Blockhütte am See, der seitdem Jack-London-See heißt, gab es die Spur eines einsamen Abenteurers, den Roman „Lockruf des Goldes“.

Ab 1935 trieb dann Stalin die ausgemergelten Kreaturen der Gulagarmee auf die primitiven Schürfstellen. Die Überlebenden der Sträflingsheere und die Barackenlager wurden in den 50er Jahren vom Staatskonzern „Nordostgold“ übernommen, der den Abbau industriell organisierte. Löhne, genug für ein Auto pro Saison, zogen Abenteuerlustige an. Und mancher Gulag-Überlebende blieb in der neuen goldenen Freiheit – wie Adolf Renz.

In der Einöde am Polarkreis gingen die Uhren anders. Hier erlaubte die Planbürokratie erstmals Privatinitiative. Schon 1960 konnte Renz mit neun Mann eine der ersten freien Genossenschaften gründen. Diese „Artele“ bekamen ihre Lizenzen von „Nordostgold“. Sie mussten das Gold zu Niedrigstpreisen abliefern, konnten aber auf eigene Rechnung wirtschaften. 1971 gründete Renz das Artel mit dem triumphalen Titel „Pobeda“ – „Sieg“.

Jedes Tal am „Kolymskij Trakt“ wurde inzwischen mehrfach durchpflügt. Seit drei Jahrzehnten wühlen sich die „Dragas“ durch die Täler. Gewaltige Schwimmbagger, die den Boden bis auf das ewige Eis darunter weggraben und sich ihre Fahrrinne selber schaffen. Stromgierige vorsintflutliche Techno-ungeheuer, die sich rumpelnd und rülpsend zehn Meter pro Tag vorwärtsfressen. Talauf, talab wiederkäuen sie graue Geröllhalden. Die Täler sind verwüstet, die Wälder abgeholzt, die Flüsse vergiftet vom Schlamm. Leuchtendrot ziehen sich die Wunden kilometerlang die Berghänge hoch.

„Nordostgold“ wurde ab 1992 schrittweise privatisiert. Die Lizenzen für die besten Claims sicherten sich die Direktoren der neun Bergbaukombinate von Magadan. Die Artele dürfen alte Schürfstellen noch einmal durchsieben oder in entlegensten Regionen Pionierarbeit leisten. Schon in den ewigen Winternächten werden Hunderte von Kilometern Pisten über meterhohen Schnee und gefrorene Sümpfe gebaut, um noch vor Tauwetter und Saisonbeginn die schwere Technik auf die Claims in der Taiga zu bringen. Treffend heißen die Goldsucher auf russisch „Starateli“, abgeleitet von dem Wort „starat´sja“, sich abmühen. Das Wort beschreibt den Prozess, nicht das Resultat.

Im Permafrostboden statt einer Goldader einen Mammutkadaver freizulegen, der bestialisch stinkend auftaut und zerfällt, ist schon keine Sensation mehr. Aber zu den großen Sagen des Artels „Expeditionnoje“ gehört, dass vor sieben Jahren in acht Meter Tiefe in einer Eislinse ein prähistorischer Molch gefunden worden sei. Als das Eis schmolz, sei der Zeitgenosse der Mammuts erwacht. Man habe das lebende Fossil zwei Wochen lang mit Brot gefüttert, bevor es spurlos aus dem Eimer verschwand. Immerhin wurde es nicht, wie Solschenizyn aus dem Gulag berichtet, „mit Genuss verspeist“.

Unser Jeep quält sich bockend und schwankend über die endlosen Abraumhügel, zurück von der Goldabnahme am Debin zum Basislager. Viele der 380 Genossen des Artels sind an der Kolyma geboren, oder ihre Eltern litten auf anderen Inseln des Archipels Gulag. Für die 730 Kilo Gold, die sie im Jahre 1993 an die Staatskasse abführten, mussten sie fast eine Million Kubikmeter Erde durchwaschen. Insgesamt etwa 30 Tonnen Gold liefert das Gebiet Magadan jährlich. Zwei Drittel davon produzieren die Artele, fast ausschließlich im Tagebau. Aber: „Es lohnt sich kaum noch“, meint Leonhart Renz.

Für ein Gramm Rohgold gab es 1994 von den Staatlichen Goldschmelzbetrieben umgerechnet 14,50 Mark. Der Weltmarktpreis liegt bei etwa 20 Mark. Die Staatsmonopolisten zahlen zudem mit monatelanger Verzögerung, so dass der Lohn für das Gold durch die Inflation noch ein Drittel an Wert verlor. Laufende Kosten und die Vorbereitung auf die nächste Saison müssen durch Kredite mit bis zu 130 Prozent Jahreszinsen vorfinanziert werden. Treibstoff und Ersatzteile sind überteuert. Über 90 Prozent des Umsatzes gehen drauf für Steuern und Abgaben. Die Zeche zahlen letztlich die Starateli.

„Seit März haben wir noch nicht einmal einen Vorschuss auf das Geld bekommen, das uns für unsere Höllenarbeit zusteht“, flucht Valentin. In dem verräucherten Schlafraum drängt sich ein halbes Dutzend Goldgräber im verschlissenen Arbeitsdrillich. Einen Wodka auf die Völkerfreundschaft und gegen die Wut. Die abgegriffenen Koffer werden gepackt. „Wir waren nur hier, weil es daheim noch beschissener ist.“ Zu Hause in Kirgisien, wo der alte Andrej „Tiger“ Koljada nur umgerechnet zehn Mark Monatsrente bekäme.

Basislager „Topografitscheskoje“, Artel „Pobeda“. Manche der Goldgräber hier bei Ust-Srednekan, eine Tagesreise die Kolyma abwärts, erinnern sich noch an Gründervater Adolf Renz. „Gute Zeiten und ein guter Mann“, sinnt einer. „Aber der ist längst weg zu seinem neuen Artel.“

In den grauen Schwaden von Tabaksqualm, Flüchen und Verbitterung schwingen nur noch ganz bescheidene Hoffnungen mit. Ein Dach überm Kopf für alle Menschen wünscht sich Jurij Nikolaew, der seit einem Jahrzehnt jede Saison aus der Südukraine herkommt. Und seinen kleinen Sohn will er endlich sehen, der vor einem Jahr geboren wurde. „Ich verrecke noch auf der Kolyma, aber er soll glücklich werden“, grummelt er.

Die Wirtschaftskrise und der große Betrug fressen unaufhaltsam den Stoff, aus dem die Träume der Goldwäscher sind. Sie hoffen auf keine Politik, keinen Jelzin, keinen Gajdar oder Shirinowskij. Allein das Flugticket zurück aufs ferne „Festland“, wie sie alle ihre Heimatrepubliken nennen, würde einen Monatslohn kosten, wenn denn endlich gezahlt würde. „Irgendwann“, flucht einer wütend, „greift sich irgendwer ein Schießeisen und legt den Artel-Chef um, diesen Betrüger.“

Im Hauptkontor ballt Artel-Chef Alexander Makruschin grimmig die Faust: „Sie lügen, längst haben sie ihren Teil bekommen.“ Schließlich hätte er eine halbe Milliarde Rubel an Lohngeldern im Diplomatenkoffer hergeschmuggelt, um der Steuerfahndung zu entgehen. „Ich mache sie fertig. Alle. Ich bin hier Zar und Gott.“ Er kippt den zehnten Wodka und schiebt einen Löffel roten Kaviar hinterher, der hier billiger ist als Fleischkonserven oder Äpfel.

Unsicher fährt er sich durchs Haar. Sein Jugendtraum war, den gewaltigen Schatz Alexanders des Großen zu finden, der auf der Krim vergraben sein soll. Aber Makruschin wurde doch nicht Archäologe, sondern Feldmesser. Er ging zu Adolf Renz an die Kolyma und wühlte, soff und brachte es zum Artel-Chef. Die Romane Jack Londons kennt er alle, seinen Leuten baute er ein beheiztes Schwimmbad mit den Riesenlettern „Pobeda“ auf dem Beckenboden. Sich selbst stellte er ein stolzes Haus hoch über dem Fluss hin, von dem aus die Brücke über die Kolyma zu sehen ist.

Die Mär geht, irgendwann werde hier die Trasse gebaut, die von Paris unter der Beringstraße hindurch bis nach Alaska und Feuerland führen soll. Und der „Kolymskij Trakt“ werde irgendwann einmal die Straße zur Welt und zum Leben werden. Zur Brücke führt aber jetzt nur die gottverfluchte Schotterpiste, auf der im Winter vor sieben Jahren Makruschins Frau ihren Sohn zur Welt brachte – schwer behindert, weil das nächste Krankenhaus unendliche 80 Kilometer entfernt liegt.

„Wir gehen hier weg“, sagt Makruschin. „Ein Artel nach dem anderen. Obwohl nicht die alten Kombinate das Gold fördern, sondern wir. Aber wir haben in der Hölle der Kolyma keine Zukunft, solange man uns mit Steuern und Abgaben schröpft.“

Gewaltige Goldreserven von geschätzten 50 000 Tonnen liegen allein noch im Gebiet Magadan. Aber die wären nur unter Tage erschließbar. Die Artele können die dafür notwendigen Investitionen nicht aufbringen, und kapitalkräftige russische Firmen oder ausländische Investoren wollen nicht, solange die Exportprofite auf dem Weltmarkt staatlich monopolisiert sind. Dafür blüht der Betrug: 1994 erhielten 57 windige Firmen, die bisher keinerlei Schürverfahrungen hatten, auf Vermittlung vom Moskauer Gold-Staatskomitee umgerechnet etwa 14 Millionen Mark an Krediten für das Versprechen, 2056 Kilo Gold zu fördern. Tatsächlich aber lieferten sie nur 384 Kilo ab und blieben der Staatskasse rund zwölf Millionen Mark schuldig.

Außerdem erreichen keine Staatssubventionen mehr die ausgeplünderten Nordgebiete. Ohne sie jedoch ist die in der Breschnew-Ära aufgebaute Infrastruktur nicht lebensfähig. 1993 froren die Wohnsilos der Bezirkshauptstadt Jagodnoe am „Kolymskij Trakt“ ein. Die Moskauer Regierung versprach Soforthilfe, die Bewohner retteten sich mit Kanonenöfen über den Winter. Das Fernheizsystem ist bis heute nicht repariert. Die schon im Juni bereitgestellten Zuschüsse konnten wochenlang nicht weitergeleitet werden, weil der zuständige Beamte im Moskauer Finanzministerium im Urlaub war. Später versickerten die Gelder bei Bonzen und Banken in Magadan.

„Für unsere Sicherheit sorgen wir selber“, sagt Wolodja Kolesnik, Besitzer der privaten Goldfirma Profil. Dabei legt er die tätowierte Hand auf den Colt im Schulterhalfter. Überfälle sind hier im Wilden Osten selten: Vor einem Jahr fuhren bewaffnete Erpresser in einem Artel vor, um die geforderte Rubelmilliarde abzuholen – sie wurden von der Belegschaft zusammengeschlagen, ihr Jeep mit einer Planierraupe plattgewalzt.

Nur die Härtesten und Nüchternsten bleiben und setzen sich durch. Kolesnik ist noch in der Gulagzeit hier geboren. Seine Eltern liegen auf dem kleinen Friedhof des Lagers, das von den Sträflingen „Gorkij“ – „das Bittere“ genannt wurde. „Als Kinder fanden wir an der Biegung des Bachs oft Schädelreste“, erinnert sich Kolesnik.

Wegen „Jugenddummheiten“, wie er es nennt, saß er ein Jahrzehnt hinter Gittern. Dann hatte er seine Lektion gelernt und stürzte sich in den Aufbau der Firma in Gorkij: 52 Kilo Gold lieferte sie im vergangenen Jahr. Supermarkt und Spielcasino in Jagodnoje gehören ihm. Ein neuer japanischer Jeep, eine Filiale in Seattle/USA, Lagerhallen in Magadan, Import- und Immobiliengeschäfte in Moskau, beste Geschäftskontakte, demnächst die erste Privatbank an der Kolyma.

Leonhart Renz ist keiner von den großen Gewinnern. „Als ich am ersten Morgen hier auf der Kolyma aufwachte und den Bergkessel sah, dachte ich, ich komme hier nie mehr raus“, sagt er. Der alte Geländewagen schaukelt über die Passstraße. Nun hat er ein neues Ziel: Nach 36 Jahren Kolyma gehört ihm immerhin ein Haus in der Gegend von Königsberg. Seine Kinder arbeiten dort in der Bernsteinindustrie.


Quelle: www.focus.de  Focusarchiv 1994